Der Leidensdruck des Einzelnen kann sehr unterschiedlich sein. Mancher hat schon jahrzehntelang einen Hallux rigidus, aber kaum Beschwerden und manch anderer entwickelt innerhalb weniger Monate starke Belastungs- und Ruheschmerzen und spürt eine deutliche Bewegungseinschränkung des Großzehengrundgelenks. Es ist auch normal, dass die Schmerzen mal mehr und mal weniger stark sind. Es gibt Tage da ist man voller Hoffnung es könnte besser werden, nur um dann am nächsten Tag mit enormen Symptomen kämpfen zu müssen. Besonders diese Unvorhersehbarkeit und die Tatsache, dass es sich tendenziell verschlimmert, macht den Hallux rigidus auch zu einer psychischen Belastung. „Soll man den Wanderurlaub nun buchen oder nicht?”, „Was passiert, wenn es sich so weiterentwickelt?”, „Ist irgendwann eine Versteifungs-OP angesagt?” …
Ich halte es für sinnvoll, sich intensiv mit dem Thema zu befassen. Arthrose zu ignorieren, lässt sie nicht verschwinden und es gibt einiges, was man tun kann.
Ein möglicher Fahrplan
Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt davon ab, wie stark die Beschwerden sind, wie beweglich das Gelenk noch ist und wodurch die Schmerzen ausgelöst werden. Als Orientierung kann folgende Reihenfolge helfen:
- Diagnose sichern: Abklären, ob die Schmerzen tatsächlich durch Arthrose im Großzehengrundgelenk hervorgerufen werden oder ob es andere Ursachen gibt.
- Wiederkehrende Reizungen erkennen: Welche Schuhe, Bewegungen oder Aktivitäten verschlechtern die Beschwerden? Hier kann es auch helfen eine Art Schmerztagebuch zu führen, um Muster zu erkennen.
- Schuhwerk und gegebenenfalls Einlagen anpassen: Ziel ist es, unnötigen Druck und schmerzhafte Bewegungen im Großzehengrundgelenk zu reduzieren und wiederkehrende Reizungen zu vermeiden. Mehr über Schuhwerk
- Das Gelenk regelmäßig, aber kontrolliert bewegen: Nicht dauerhaft schonen, aber auch nicht durch Überbelastung unnötig reizen. → Wie viel Bewegung ist sinnvoll
- Fußmechanik und Gangbild betrachten: Beschwerden können auch durch ein ungünstiges Gangbild ausgelöst werden. Ein gut ausgebildeter Physiotherapeut kann hier eine sinnvolle Anlaufstelle sein. Mehr über Gangbild
- Übungen ausprobieren: Mobilisation, sanfte Traktion sowie Übungen für Fußmuskulatur und Zehenkontrolle können Bestandteil der konservativen Behandlung sein. Mehr zu Übungen
- Gelenkdistraktion ausprobieren: Durch eine sanfte Zugkraft werden die Gelenkflächen leicht voneinander entfernt und das Gelenk mechanisch entlastet. Gelenkdistraktion wird bereits seit vielen Jahren bei Arthrose untersucht und stellt eine weitere Möglichkeit dar. Mehr über Gelenkdistraktion
- Operationen erst dann näher betrachten, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend helfen und der Leidensdruck entsprechend hoch ist. Mehr über Operationen
Der wichtigste Punkt ist für mich: Es gibt nicht die eine Maßnahme, die bei jedem Menschen mit Hallux rigidus gleichermaßen funktioniert. Es gibt aber viele Möglichkeiten, die Beschwerden zu reduzieren und im Alltag besser mit der Erkrankung zurechtzukommen. Entscheidend ist, herauszufinden, welche Belastungen die eigenen Beschwerden verstärken und welche Maßnahmen helfen.
Wie viel Bewegung ist sinnvoll?
Bei Hallux rigidus stellt sich häufig die Frage: Sollte man das Gelenk schonen oder möglichst viel bewegen?
Bewegung ist grundsätzlich wichtig für Gelenke. Sie unterstützt den Gelenkstoffwechsel, erhält die Beweglichkeit und trägt dazu bei, Muskeln und Sehnen funktionsfähig zu halten. Eine dauerhafte Schonung ist daher kontraproduktiv.
Gleichzeitig kann zu viel Belastung ein bereits geschädigtes Gelenk immer wieder reizen. Schwellungen oder Ruheschmerzen nach einer Belastung können ein Zeichen dafür sein, dass es zu viel war. Auf diese Signale des Körpers sollte man definitiv hören. Entzündliche Prozesse spielen bei Arthrose eine nicht unwesentliche Rolle und können dafür sorgen, den Gelenkverschleiß weitervoranzutreiben.
Aus meiner Sicht ist daher ein Mittelweg sinnvoll: Das Gelenk regelmäßig bewegen, ohne es ständig zu reizen.
Beim Gehen können geeignete Schuhe oder Einlegesohlen helfen, schmerzhafte Bewegungen im Großzehengrundgelenk zu reduzieren. Gleichzeitig kann die Beweglichkeit durch gezielte Mobilisationsübungen regelmäßig und kontrolliert trainiert werden.
Kurz gesagt: Im Alltag unnötige Reizungen vermeiden, das Gelenk aber weiterhin regelmäßig und kontrolliert bewegen.
Geeignetes Schuhwerk bei Hallux rigidus
Geeignetes Schuhwerk ist meiner Meinung nach einer der größten Hebel um Schmerzen und Reizungen zu reduzieren. Entscheidend ist dabei die Kombination verschiedener Eigenschaften. Besonders wichtig ist es ausreichend Platz für die Zehen zu haben, eine geringe Sprengung, eine nicht zu flexible Sohle und ein möglichst druckfreies Obermaterial.
Ausreichend Platz für die Zehen
Generell, aber besonders bei Hallux rigidus, ist es sinnvoll Schuhe mit einer ausreichend breiten Zehenbox zu tragen. Die Zehen sollten genügend Platz haben und nicht seitlich zusammengedrückt werden.
Geringe Sprengung
Unter Sprengung versteht man den Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß eines Schuhs. Ein höherer Absatz verlagert die Belastung stärker in Richtung Vorfuß. Bei Beschwerden im Großzehengrundgelenk kann es deshalb sinnvoll sein, Schuhe mit geringer Sprengung auszuprobieren.
Weiches und druckfreies Obermaterial
Haben sich bereits Osteophyten und Druckempfindliche Stellen an der Oberseite des Großzehengrundgelenks gebildet, sollte auch auf das Obermaterial geachtet werden. Der Schuh sollte im Bereich des Großzehengrundgelenks möglichst wenig Druck ausüben. Weiches und ausreichend nachgiebiges Obermaterial kann dabei helfen, zusätzliche mechanische Reizungen zu vermeiden. Auch die Schnürung des Schuhs sollte weit genug oben sein, um Druckstellen zu vermeiden.
Nicht zu flexible Schuhsohle
Eine sehr flexible Sohle ermöglicht beim Abrollen eine stärkere Bewegung im Großzehengrundgelenk. Bei Hallux rigidus kann insbesondere die dabei notwendige Beugung der Großzehe nach oben das bereits geschädigte Gelenk reizen und Beschwerden verstärken.
Daher können Schuhe mit einer ausreichend steifen Sohle sinnvoll sein. Sie reduzieren die Bewegung im Großzehengrundgelenk beim Abrollen und können so dazu beitragen, schmerzhafte Reizungen zu vermeiden. Zusätzlich ist es sinnvoll wenn die Innensohle, die mit der fast jeder Schuh ausgestattet ist, herausnehmbar ist. So kann man diese bei Bedarf durch steifere Einlegesohlen ersetzen.
Problem:
Viele konventionelle Schuhe haben eine enge Zehenbox, festes Obermaterial und eine Sohlenkonstruktion, die das Großzehengrundgelenk ungünstig belasten kann.
Mögliche Lösung:
Ich persönlich habe die besten Erfahrungen mit Barfußschuhen in Kombination mit einer relativ steifen Einlegesohle aus Kunststoff gemacht. Besonders gut funktioniert für mich die Einlegesohle von DOC H. Für Barfußschuhe kann es sinnvoll sein, sie etwas zuzuschneiden, damit sie besser in den Schuh passt.
Eine weitere Option sind zb. Schuhe von dem Hersteller Altra. Sie bieten eine breite Zehenbox und eine keine oder nur eine geringe Sprengung.
Einlegesohlen oder orthopädische Einlagen bei Hallux rigidus?
Einlegesohlen und orthopädische Einlagen werden häufig in einen Topf geworfen, verfolgen aber selten dasselbe Ziel.
Was ist der Unterschied?
Einlegesohlen sind meist frei verkäufliche, rezeptfreie Sohlen, die in den Schuh eingelegt werden. Je nach Ausführung können sie beispielsweise für mehr Dämpfung sorgen, den Fuß etwas entlasten oder durch eine steifere Konstruktion das Abrollen beeinflussen. Ich selbst habe sehr gute Erfahrungen mit der von DOC H gemacht.
Orthopädische Einlagen werden dagegen gezielt eingesetzt, um die Belastung des Fußes und die Fußstellung zu verändern. Sie können individuell angepasst werden und beispielsweise das Fußgewölbe stützen, bestimmte Bereiche entlasten oder die Abrollbewegung positiv beeinflussen.
Orthopädische Einlagen sind nicht automatisch besser
Orthopädische Einlagen, die Verschreibungspflichtig sind, können Beschwerden deutlich reduzieren, indem sie den Fuß stützen, bestimmte Bereiche entlasten oder das Abrollverhalten verändern. Gerade bei Schmerzen kann das sehr hilfreich sein.
Dabei sollte man sich jedoch bewusst machen, wie eine Einlage funktioniert: Sie nimmt dem Fuß einen Teil der Arbeit ab. Strukturen, die normalerweise aktiv zur Stabilisierung des Fußes beitragen, werden dadurch teilweise weniger gefordert. Insbesondere bei stark stützenden Einlagen kann die Fußmuskulatur deshalb weniger beansprucht werden.
Das muss nicht automatisch problematisch sein. Eine dauerhafte Entlastung kann jedoch auch Nachteile haben, insbesondere wenn der Fuß zunehmend auf die Unterstützung angewiesen ist und bestimmte Muskelgruppen kaum noch gefordert werden.
Daher würde ich empfehlen, anstatt einer orthopädischen Einlage, erstmal einen geeigneten Schuh mit Einlegesohle ausprobieren.
Gelenkdistraktion
Ein weiterer Ansatz, mit dem ich mich besonders intensiv beschäftigt habe, ist die Gelenkdistraktion bzw. Gelenktraktion. Dabei werden die Gelenkflächen durch eine Zugkraft leicht voneinander entfernt. Diese sorgt für eine Entlastung des Knorpels.
In der Physiotherapie ist dieser Ansatz unter Gelenktraktion bekannt.
Darüber hinaus wurde die längerfristige Gelenkdistraktion bereits bei verschiedenen Arthroseformen wissenschaftlich erfolgreich untersucht.
Da dieser Ansatz für mich persönlich eine besondere Rolle gespielt hat und auch die Grundlage für die von mir entwickelte Manschette bildet, habe ich ihm einen eigenen Bereich gewidmet.
→ Mehr über Gelenkdistraktion bei Hallux rigidus
Physiotherapie bei Hallux rigidus
Bei Hallux rigidus liegt der Fokus natürlich direkt auf dem Großzehengrundgelenk. Es kann jedoch sinnvoll sein, nicht nur das Gelenk selbst, sondern den gesamten Bewegungsablauf beim Gehen zu betrachten, insbesondere das Abrollverhalten.
Das Gangbild als Ursache
Beim normalen Gehen rollt der Fuß über die Ferse und den Vorfuß nach vorne ab. In der letzten Phase des Schrittes übernimmt dabei auch die Großzehe eine zentrale Funktion.
Idealerweise zeigen die Füße beim Gehen ungefähr nach vorne oder sind nur leicht nach außen gedreht. Bei manchen Menschen stehen die Füße jedoch deutlich weiter nach außen. Dadurch kann sich die Abrollbewegung des Fußes verändern und die Belastung im Vorfuß anders verteilen.
Auch Fußfehlstellungen, eingeschränkte Beweglichkeit im Sprunggelenk oder muskuläre Dysbalancen können Einfluss darauf haben, wie der Fuß beim Gehen belastet wird. Bei bestehenden Beschwerden im Großzehengrundgelenk kann es daher sinnvoll sein, auch solche Faktoren zu untersuchen.
Was kann Physiotherapie dabei leisten?
Ein Physiotherapeut kann das Gangbild und die Beweglichkeit des gesamten Beins und Fußes beurteilen. Dabei kann beispielsweise untersucht werden:
- Wie steht der Fuß beim Gehen?
- Wie rollt der Fuß ab?
- Wie beweglich sind Sprunggelenk und Großzehe?
- Gibt es Auffälligkeiten der Fußstellung?
- Gibt es muskuläre Schwächen, oder Fehlstellung, die das Gangbild beeinflussen?
- Lassen sich Bewegungsabläufe verändern, sodass das Großzehengrundgelenk günstiger belastet wird?
Je nach Befund können gezielte Übungen, Mobilisationen, Kräftigung und langfristig eine Anpassung des Gangbildes sinnvoll sein.
Barfußgehen bei Hallux rigidus
Viele Menschen mit Hallux rigidus berichten, dass ihnen Barfußgehen guttut. Die Zehen haben mehr Platz, der Fuß kann sich natürlicher bewegen und es entstehen keine Druckstellen durch enge Schuhe. Gleichzeitig wird die Fußmuskulatur stärker gefordert, da Zehen, Fußgewölbe und stabilisierende Muskeln aktiver arbeiten müssen.
Ich halte Barfußgehen deshalb grundsätzlich für einen Versuch wert. Manche Betroffene profitieren sehr stark davon und empfinden es als deutlich angenehmer als das Gehen in Schuhen. Andere reagieren dagegen empfindlicher auf die größere Bewegung im Großzehengrundgelenk und können das Gelenk dadurch stärker reizen.
Wer bisher wenig barfuß geht, sollte deshalb mit kurzen Strecken beginnen und die Belastung langsam steigern. Entscheidend ist nicht nur, wie sich das Gelenk während des Gehens anfühlt, sondern auch in den Stunden danach und am nächsten Tag.
Auch ein natürliches Abrollen mit gerade oder nur leicht nach außen gerichteten Füßen ist wichtig. Ein ungünstiges Gangbild kann die Belastung des Großzehengrundgelenks erhöhen.
Kurz gesagt: Barfußgehen würde ich bei Hallux rigidus ausprobieren. Viele profitieren davon, aber nicht jedes Gelenk verträgt es gleich gut. Deshalb vorsichtig beginnen, behutsam steigern und auf die Reaktion des eigenen Fußes achten.
Übungen bei Hallux rigidus
Übungen können dabei helfen, die Beweglichkeit des Großzehengrundgelenks zu verbessern, die Fußmuskulatur zu kräftigen und die Kontrolle über die Zehen zu trainieren.
1. Großzehe sanft mobilisieren
Setze dich hin und greife die Großzehe mit einer Hand. Bewege sie langsam und kontrolliert nach oben und unten.
Taste dich dabei vorsichtig an deine Bewegungsgrenze heran. Ein leichtes Ziehen oder ein gut tolerierbarer Schmerz kann dabei durchaus auftreten. Versuche jedoch nicht, die Großzehe mit Kraft über einen deutlich schmerzhaften oder harten Widerstand hinauszubewegen.
2. Sanfte Traktion der Großzehe
Greife die Großzehe möglichst nah am Grundgelenk und übe einen sanften Zug in Längsrichtung aus, sodass die Großzehe leicht vom Fuß weggezogen wird.
Bei dieser Übung geht es nicht darum, möglichst kräftig zu ziehen. Sinnvoller ist ein leichter, gleichmäßiger Zug, der über einen längeren Zeitraum gehalten wird. Zu viel Zug kann die Bänder, Sehnen und anderen Strukturen rund um das Gelenk übermäßig belasten oder überdehnen.
Beginne daher mit wenig Kraft und halte den Zug beispielsweise für 20 bis 30 Sekunden. Anschließend kurz lösen und die Übung mehrmals wiederholen.
Wie häufig sollte man die Übungen machen?
Aus meiner Sicht ist es sinnvoller, regelmäßig und moderat zu üben, als das Gelenk gelegentlich sehr intensiv zu belasten. Als Orientierung können beispielsweise 10–15 Minuten täglich dienen.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
Schmerzmittel, Hyaluronsäure- oder Kortisoninjektionen sowie eine Röntgenreizbestrahlung werden ebenfalls zur Behandlung von Beschwerden bei Hallux rigidus eingesetzt. Je nach Verfahren können sie Schmerzen und Entzündungsreaktionen zumindest vorübergehend reduzieren.
Ich glaube, dass diese symptomlindernden Behandlungen ihren Platz haben und dass es Situationen gibt, in denen Sie kurz oder mittelfristig Abhilfe schaffen können. Für mich persönlich stehen diese Möglichkeiten aber nicht an erster Stelle. Ich glaube, dass es sinnvoll ist auf Maßnahmen zu setzen, die wiederkehrende mechanische Reizungen reduzieren und gleichzeitig Funktion und Beweglichkeit des Fußes möglichst verbessern oder zumindest erhalten.
Operationen
Wenn konservative Behandlungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichend helfen und die Beschwerden den Alltag deutlich einschränken, kann eine Operation in Betracht gezogen werden.
Dabei gibt es unterschiedliche Verfahren. Einige versuchen, das vorhandene Großzehengrundgelenk und seine Beweglichkeit möglichst zu erhalten. Bei fortgeschrittener Arthrose kann das Gelenk dagegen versteift oder durch ein Implantat ersetzt werden.
Die wichtigsten Verfahren im Überblick:
- Cheilektomie: störende knöcherne Anbauten werden entfernt; das Gelenk bleibt erhalten.
- Osteotomie: die Stellung beziehungsweise Mechanik eines Knochens wird verändert, um das Gelenk günstiger zu belasten.
- Arthrodese: das Großzehengrundgelenk wird dauerhaft versteift.
- Gelenkersatz: geschädigte Gelenkflächen werden teilweise oder vollständig durch ein Implantat ersetzt.